Marquardsen, Heinrich Hermann (1892-1916)

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Heinrich Hermann Maquardsen, geb. 2. März 1892

Über die Indienststellung oder einer Dienstzeit vor dem Kriege habe ich nichts in Erfahrung bringen können. Ich weiß auch nicht zu sagen, wann Heinrich Marquardsen eingezogen worden ist. Wenn keine gesundheitlichen Schäden vorgelegen haben, muß er sofort zu Anfang  des Krieges den grauen Rock  angezogen haben.

Wo ist er ausgebildet?

Wann kam er ins Feld?

1915 und nach Anfang 1916 ist er Fahrer in der 8. Landwehr Division, Armee Abt. Ganta, Artillerie Munitionskolonne 302, scheinbar im Osten. Im August 1915  hat Heinrich Marquardsen scheinbar Urlaub gehabt. Er schreibt an seinen Schwager Ferdianand Hansen, der auf der Kieler Werft ist, eine Karte unter dem 5.9.15 worauf er vermeldet, daß er gut von seiner Reise zurückgekommen ist. Es kann sein, daß die Königl. – Preußische Artl. Munitions Ko. 302, die sich zu Anfang 1916 Fuß-Artl. Munit.Kol.  nennt, ständig bei der 8. Landwehr Div. in den Vogesen gelegen hat, denn auf einer Karte vom 10.1.16 ist ein Stempel   …. wig, Elsaß, PK geprüft und zu befördern. Auf dieser Karte fragt er besorgt nach dem  Ergehen seines verwundeten Bruders Lorenz   und bedankt sich für 2 Weihnachtspakete, die der Kriegerverein ihm geschickt hat.

Am 24.6.16 eröffnen die Engländer und Franzosen beiderseits der Somme ihren verbreiteten großen Angriff. Die Deutschen, die ausgesuchtesten Kampftruppen, liegen vor Verdun fest. Da brausen die Granatenwerferwolken auf die Sommetruppen sieben Tage lang hernieder – alles zerschlagend – die Felder in nicht wiederzuerkennende Einöde verwandeln.

Die Somme frißt Menschenfleisch und säuft Menschenblut. Was noch gerade und kräftig und jung ist, wird aus den Formationen an ruhigen Stellen der Front herausgezogen, neu in Formationen aufgestellt und – an die Somme geworfen.

Heinrich Marquardsen kommt als Fahrer in das Fußart. Batl. 44, 1 Batterie, Feldpoststation 286. Der Kommandeur ist Hauptmann Preuß.

(Ich folge den Schilderungen des Buches Somme Nord 1. Teil, bearb. von Albrecht von Stopf, 1927, Seite 62 usw.).

Das Fußart. Batl. 44 wird vom Generalkommando der 28. Res. Division, den Res. Regimentern 109, 110 und 111 ((alles Badenser ( = beboere af landet Baden)) zugeteilt. Es ist der 30.6.16. Da kommt das Fußart. Btl. 44 als Retter in höchster Not. Südöstlich Fricourt, südlich Mametz und südlich Montauban haben 7 englische Brigaden angesetzt, um die zertrommellte Front der 28. Res. Division zu durchstoßen. Gar zu gut gelang ihnen das nach ihrem mörderischen Artillerie Feuer. Vor dem Sturm haben die Engländer die deutsche Artillerie zerhämmert. Besonders die in der Artillerie Schlucht und bei Bazentin le Grand stehen.

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Den Batterien sind gewesen und haben sich nicht wieder auffüllen können. Nur 10 Feld und 13 schwere Batterien, in denen aber auch schon manche Geschütze unbrauchbar sind, können auf die vorgehenden Engländer feuern. Besonders leidet das Res. Inf. Regt. 109 aus Karlsruhe – und um den wenigen Soldaten, die sich noch an den Trümmern der Gräben anklammern, einen Rückhalt zu geben, wurden vom General Kdo. die 1+3 Batt. Fß. A. 44 und die 7. Batt. Res. Fß. A. 12 eingesetzt. Und sie sind Retter in der höchsten Not.

Die 1. Batterie Fß.A.44 steht am Ostrand des Bernafay Waldes. Es wird gemeldet, daß der Engländer , es ist die 30. Division, die König Ludwig Höhe eingenommen hat. Der Feind wird unter Feuer genommen. Ein dicht über dem Walde kreisender Flieger – ein Engländer – hat die Batterie bald entdeckt. 28 cm. Granaten schlagen ein.

Gleich die erste Granate zertrümmert eine Kanone. Nach stundenlangem, verlustreichen Gefecht werden durch Volltreffer 2 (?) weitere Geschütze außer Gefecht gesetzt. Am Mittag 2 Uhr geht  eine Infanterie Patrouille vor und stellt fest, daß sich vor der Batterie keine deutsche Infanterie mehr befindet. Aus der rechten Flanke wird die Batterie aus Montauban beschossen. Flieger jagen drüber weg und schießen aus den MG´s Geschoßhagel über die zerschossene Batterie-Stellung. Es wird aber mit dem letzten Geschütz so lange weitergefeuert, bis auch dieses unbrauchbar und der Rest der Munition in Brand geraten ist. Unter Mitnahme der wichtigsten Geschützteile wird die zertrümmerte Batterie geräumt.

Wenn Heinrich Marquardsen auch nicht selbst den ganzen Tag in der Feuerstellung war, er war als Fahrer bei der Feldküche, so hat er diesen Tag doch wohl voll miterlebt. Die Truppen mußten unter allen Umständen verpflegt werden. Die Küche mußte nach vorne. Und der Engländer war klug genug – und auch reich genug an Munition (hatte er doch die Rüstungsindustrie der ganzen Welt hinter sich) alle Anmarsch- straßen von seinen 40 cm und 38 cm Eisenbahngeschützen unter Feuer halten zu lassen. Er riegelte die direkte Kampffront vom Hinterland ab. Und durch diesen Sperrgürtel mußte der Nachschub.

Ich finde das Fuß Artillerie Btl. 44 nochmals in dem Buch erwähnt. Unsere Infanterie kittet die  zerschossene, vergaste Front mit ihrem Blut.

Da hört jede Führung im Sinne der Taktik auf da heißt es nur – das Loch muß gestopft werden.

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Bus an der Somme

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Soldatenlager in Buse, Somme

Aber der Feind dringt doch in die starre Front ein und zerschlägt die schwache Verteidigung. Wir müssen zurück. Aber jeder Meter ist hoch mit Toten der drei hier kämpfenden Nationen bedeckt.

Der Deutsche, der Engländer und der Franzose bluten gleich stark. Nur ist zu unterscheiden: Der  Feind ist mit Material gespickt, während unsere Soldaten es fast ohne Material, nur mit Mut, Pflichttreue und Herzensstärke machen.

Schrittweise geht die Front zurück. Die Verteidigung liegt am 8.7. am Trônes Wald. “Gegen 9:30 vormittags drangen überraschend stärkere Abteilungen des 2. West Yorkshire – und des 19. Manchester Batl. (2. Brigade, 30. Division) zwischen den beidenBahnlinien in Westrande des Trônes-Waldes und in der Südspitze ein. Als dies nach einer halben Stunde der 12. RD. bekannt wurde, riegelte Artillerie den Ostrand des Bernafay-Waldes und den Raum bis zum Trônes Wald ab, um das Herankommen engl. Verstärkungen zu verhindern. Art. Gruppe Preuß (Fß.A. Btl.44) lenkte das Feuer einiger Batterien vor den Abschnitt des RIR38 “Oberst von Kamecke setzte sofort 6.+8. Komp. aus der II. Stellung gegen die Einbruchstellen im Thônes Walde gegen an. Ihr Eingreifen wurde jedoch nicht mehr erforderlich. Die tapferen Komp. des III. und I. Btl. hatten die Engländer bald wieder zurückgetrieben, dem 2. West Yorkshire Batl. schwere Verluste  zufügend”.

Man wird vielleicht verwundert sein, daß der Anfahrtsweg für die Versorgung der Art. mit Munition so lang ist, von Bus bis z. LP Bazentin  le grand  oder Guillemont.  Es ist aber nur eine verfügbare Bahnstrecke, die nach Bapaume hineingeht, die die Versorgung übernehmen muß. Schon damals ist bei uns das Material für Lastautos knapp. Für die Fahrer ist es aber eine unsägliche Belastung und Nervenprobe – tagaus tagein die Höllenfahrt durch den englischen Feuerriegel machen zu müssen.

Am 12. August greifen Engländer und Franzosen wiederum mit aller Macht an. Den Briten winkt  Guillemont, den Franzosen Maurepas. Von Hem bis Porières lodert der Flammengürtel der verbündeten Artillerie. Der Nachthimmel glänzt rot und gelb vom Mündungsfeuer ungezählter Batterien, Scheinwerfer schießen breite weiße Lichtkegel ins dunkle Vorfeld, Raketen und Leuchtsterne steigen und erhellen das zernagte Gelände. Leer und verlassen liegt die Walstatt, bis die Angriffswellen aus der Qualmwand hervorbrechen und der Verteidiger die Maschinengewehre aus den Löchern reißt. Der Brite tritt zuerst an und wird wiederum abgeschlagen der Franzose stürzt sich auf die 8. bayr. Res. Division, die den Hügel von Maurepas mit 4000 Gewehren verteidigt, und wird blutend zurückgeworfen

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Bernafay Wald

Als Foch am 15. August 1916 den Angriff erneuert, geht Maurepas zum Teil verloren . Die 5. bayr. Res. Div. eilt herbei und wird sofort in den Strudel hineingerissen.

Und dieser  Tag gibt Heinrich Marquardsen die Sterbestunde.

O.U. den 17. August 1916

Ich muß Ihnen hierdurch die traurige Mitteilung machen, daß unser guter Kamerad, der Fahrer Heinrich Marquardsen am 15.8. abends auf dem Felde der Ehre als Held gefallen ist. Er wurde beim Einfahren in die Feuerstellung durch ein Sprengstück getroffen und starb auf dem Wege nach dem Lazarett; er wurde sehr schwer getroffen. Trotzdem sofort ärztliche Hilfe zur Stelle war, ist er bald darauf gestorben. Die Beerdigung findet heute am 17.8. nachmittags 5 Uhr in Bus statt. Zu weiteren Auskünften bin ich gerne bereit.

gez. Schulz, Feldwebel, Fußart.Batl. 22, 1. Battr.

Feldpaketstation 286

O.U. den 31.8.1916

Geehrtes Fräulein!

Heute in Besitz Ihres Briefes teile ich Ihnen mit, daß  Ihr Bruder, der Fahrer Marquardsen, am 15.8.16 auf dem Felde der Ehre gefallen ist. Ihr Bruder war am 15.8. abends kommandiert mit der Feldküche zur Feuerstellung zu fahren, um seinen Kameraden das Abendbrot zu bringen. Dicht vor der Feuerstellung wurde er vom feindlichen Geschoß getroffen und lag besinnungslos am Boden. Die Pferde waren durchgegangen und wurden erst später aufgegriffen. Der Koch, welcher mitfuhr, holte gleich Leute aus der Batterie und sie schafften ihn zur Feuerstellung.

Hier wurde er verbunden. Aus der Feuerstellung wurde sofort ein Krankenauto telefonisch gerufen, welches  auch bald ankam, um den schwer Verwundeten abzuholen. Vor der Abfahrt verlangte er noch einmal zu trinken. Er bekam Kaffee. Das Auto fuhr mit ihm zum Lazarett.

Er ist jedoch schon auf der Fahrt zum Lazarett gestorben. Am nächsten Morgen schickte ich einen Radfahrer nach dem Lazarett  und teilte dem Lazarett mit, daß ich die Leiche abholen lasse, um ihn zu seinen Kameraden zu beerdigen, die schon sechs hier im  Dorfe Bus liegen. Er wurde abgeholt und 2 Tage später in Bus auf dem neuangelegten Friedhof beerdigt. Ich hatte einen Feldgeistlichen kommen lassen und vom Inf. Rgt 134 Trauermusik bekommen. Er hat auf dem Friedhof in Bus die Grabnummer 22. Auch habe ich ihm ein schönes eisernes Kreuz setzen lassen und den Grabhügel mit schönen grünen Rasen belegen lassen. Zu weiteren Auskünften bin ich gerne bereit.

gez. Schulz, Feldwebel

Nach der Umbettung liegt Fahrer Heinrich Hermann Marquardsen auf dem Friedhof Maison Blanche, Gemeinde Neuville – St. Vaast/Pas de Calis, Einzelgrab Nr. 29 014.

Olof Berg: Klein Wiehe / Lille Vi 1914-1918

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Sønderjyderne og Den store krig 1914 – 1918